Amoklauf: Warum Reden darüber wichtig ist

von Corinna Graf und Mark Abel

Amokläufe sind etwas Schlimmes. Doch sie treffen nicht nur die Menschen, die zu Opfern eines Amoklaufes werden, sondern es interessiert uns alle! Uns alle an der Schule betrifft dieses, weil sich Amokläufe heute schon fast zu sich wiederholenden Taten entwickelt haben. Jeder geht mit solch einer Nachricht, dass schon wieder ein Amoklauf gestartet wurde, anders um. Die einen wollen darüber reden, die Anderen sind sich dabei unsicher. Reden ist dagegen – auch bei Kummer – die beste Medizin, diese Art von Schmerz zu verarbeiten! Denn nur, wenn man ausführlich und offen über ein wichtiges Thema wie dieses spricht, können es junge sowie ältere Schüler oder auch berufstätige Eltern, die ihre Kinder tagtäglich zur Schule laufen sehen, besser verarbeiten. Es ist immer der beste Weg und ich finde, dass an unserer Schule öfters über diese Dinge geredet werden sollte und man dies auch als Unterrichtsthema anbieten könnte.
Es ist nicht eine Frage des Wollens, sondern des Müssens. Darüber zu reden sind wir uns alle schuldig!

Der Amoklauf von Winnenden und was wir daraus lernen

Winnenden am 11. März 2009: Der 17-jährige Tim K. betritt gegen halb zehn die Albertville-Realschule. Er stürmt mehrere Schulräume mit einer Waffe seines Vaters. Insgesamt fallen ihm dort 19 Personen zum Opfer; davon sterben einige sofort am Tatort, andere überleben das Blutbad schwerverletzt. Anschließend erschießt er einen Mitarbeiter eines nahegelegenen Krankenhauses, bevor er die Flucht ergreift und in Wendlingen von Polizisten gestellt wird. Kurz darauf begeht er Selbstmord. Es wurden 15 Menschen ermordet.

Dies war bekanntlich nicht der erste Amoklauf. Schon mehrere gab es – nicht nur hier in Deutschland, sondern vor allem auch in den USA. Und meist nach ähnlichem Verhaltensmuster: Ein Junge, meist im Alter zwischen 17 und 19 Jahren, der sich seinen Mitschülern und den Lehrern gegenüber unscheinbar und ruhig gibt - in ihm allerdings das Gefühl von Wut, Enttäuschung und vor allem Ausweglosigkeit brodelt –, verliert jegliche Hemmungen und begeht einen Amoklauf, der für ihn die einzige Möglichkeit zu sein scheint, Aufmerksamkeit zu erzielen.  

In diesen typischen Fällen, sowie auch bei Tim K., ist es die Rolle eines Außenseiters, in die der Täter jahrelang schlüpft: Wenig Freunde, noch nie eine feste Beziehung. Hinzu kommt der psychische Druck, unter dem Tim K. womöglich auch stand. Ist es der Druck der Lehrer im Schulalltag gewesen, dem der Junge nicht standhalten konnte? Haben die Forderungen, die die Eltern an ihn stellten, das Fass zum Überlaufen gebracht, oder spielt der Druck der Gesellschaft, der auf jedem unbemerkt lastet, eine wichtigere Rolle als zunächst angenommen? Wäre es zu diesem Vorfall nicht gekommen, wenn der Vater alle Waffen in Sicherheit gebracht hätte? Ist der Privatbesitz von Waffen überhaupt sinnvoll?

Fragen über Fragen, mit denen sich auch die Medien in den letzten Wochen und Monaten intensiv beschäftigten. Das Interesse scheint groß und fast unersättlich zu sein. Wenn es zu einem solchen Vorfall kommt, dann richtet sich die gesamte Aufmerksamkeit auf das Geschehen; Medien fallen wie hungrige Wölfe über das Geschehen her. Alle ringen um das beste Interview. Betroffene, die gerade erst aus dem Gebäude kommen, indem sie um ein Haar ihr Leben gelassen hätten, werden gleich von Presse und Fernsehen aufgefangen und nach ihrem seelischen Zustand befragt. Eine verantwortungslose Sache?

Sicher ist eines: Die Leute wollen wissen, was die Ursachen sind. Vorschläge dafür finden sie genug. Als eines der Hauptgründe werden die so genannten „Ballerspiele“ angesprochen. Sie sollen nun endlich die Begründung dafür sein, warum es zu solchen Vorfällen kommt.
„Wer sich in seiner Freizeit mit Ballerspielen beschäftigt, verherrlicht Gewalt und greift auch im wirklichen Leben zu Waffen.“ Diese Meinung ist nicht selten vertreten.

Wäre dies der Fall, so würde es jedoch weitaus mehr derartiger Vorfälle geben, da nahezu alle Jugendlichen mehr oder weniger Erfahrung mit solchen Spielen sammeln. Betrachtet man beispielsweise einen durchschnittlichen Jugendlichen, der ab und zu in seiner Freizeit alleine oder mit seinen Freunden den allseits bekannten Ego-Shooter „Counterstrike“ spielt, so lässt sich von ihm nicht eher behaupten, es handle sich um einen potentiellen Amokläufer, als bei Gleichaltrigen, die sich für andere Dinge interessieren. Es sei denn - und der Einwand ist durchaus berechtigt - die Psyche des Jungen ist durch Schicksalsschläge, Ausgrenzung im Schulalltag oder Überforderung bereits geschwächt. Dann besteht durchaus die Gefahr, dass Gewalt verherrlichende Spiele die Hemmschwelle bei Jugendlichen so weit herabsetzen, dass ein tatsächliches Risiko besteht.

Dadurch verdeutlicht sich allerdings die Tatsache, dass der Ursprung eines Amoklaufs eher in den Umwelteinflüssen liegt. Man sollte folglich nicht die Medien oder Anwendungen moderner Technik für derartige, zum Glück nicht häufig passierende Ausfälle in die Verantwortung ziehen, ebenso wenig wie eine Verschärfung des Waffengesetzes Amokläufe in Zukunft nicht verhindern könnte.

Das einzig Sinnvolle, um das Gefahrenrisiko herabzusetzen, sind präventive Maßnahmen. Hierzu gehören unter anderem der Einsatz von Schulpsychologen, die Teilnahmepflicht an Aufklärungsseminaren und Ganztagsangebote für die Schülerinnen und Schüler. Mit dem Scholl-Appell und der Streitschlichtung sind wir auf einem guten Wege. Um ein wirklich wirkungsvolles Ergebnis zu erhalten und anderen Nationen zu folgen, müssen allerdings auch Investitionen getätigt werden.

Doch lässt sich der bereits hoch verschuldete Staat darauf ein? Wie wichtig ist Sicherheit an Schulen? Und wie viel darf sie kosten? All dies sind Fragen, mit denen sich die Politik auseinandersetzen muss.

Nichtsdestotrotz haben wir, die Schülerinnen und Schüler, aber auch alle Eltern und Lehrer die Pflicht, stets aufmerksam zu sein und die Initiative zu ergreifen, wenn es erforderlich ist.

Denn das Risiko, dass es auch bei uns zu einem Amoklauf kommen kann, hat sich durch einen Vorfall auf unserer Schule vor ein paar Jahren mehr als bestätigt.
Wer kann, möge sich erinnern.

Quelle: Schülerzeitung des Geschwister – Scholl - Gymnasiums Düsseldorf

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