Das singende Klassenzimmer

Hochstimmung im Vier-Sterne-Bus: Ein Schulausflug in die Pforzheimer Schmuckwelten

Wie im siebenten Himmel fühlten sich die Fünftklässler der Mozartschule von Schwäbisch-Gmünd-Hussenhofen im blauen Setra-Bus der Firma Jakob Busreisen. Auf ihren Klassenausflug im Juni hatten sich die SchülerInnen wochenlang gefreut. Denn hier konnten sie endlich die Lieder singen, die sie in die Schule nie mitbringen. Die Klasse hatte den Tagesausflug in die Schmuckwelten von Pforzheim beim Gewinnspiel im Rahmen der gbk-Kampagne „Klasse fährt Klasse“ gewonnen.

Der Wettergott ist an diesem grau verhangenen Morgen noch unentschieden, ob er seinen Himmel mit dem strahlend blauen Setra-Reisebus konkurrieren lassen soll, der mich um 8:00 Uhr vor dem Schwäbisch Gmünder Bahnhof abholt. Ungeachtet dessen herrscht im Bus schon Hochstimmung. Ich werde von einer pausenlos an- und abschwellenden Geräuschkulisse glockenreiner Kinderstimmen empfangen, die mich von nun an auf Trab hält und den letzten Rest Müdigkeit vertreibt. Denn eine Busfahrt, die ist lustig, „man hat eine schöne Aussicht, keine Schule und erst recht keine Hausaufgaben. Endlich auch mal laut sein, miteinander Spaß haben, Spiele machen, lesen, essen... nur blöd, wenn einem schlecht wird - dann macht der Ausflug keinen Spaß mehr...“, höre ich auf meine Frage, ob die Klasse gerne Bus fährt, heraus.


Doch noch fühlen sich alle pudelwohl. Auf den ausklappbaren Tischchen werden Brett- und Kartenspiele gespielt, Handys gegenseitig begutachtet, Tagebucheinträge gelesen, und manch einen hält es auch vor Aufregung nicht auf dem Sitzplatz. Neuigkeiten müssen ausgetauscht und süße Leckereien in den Mund gesteckt werden. Damit bin auch ich bald bestens versorgt und verspüre ein merkwürdiges Gefühl in der Magengegend, das ich jedoch unter Kontrolle bekomme.

Inzwischen tönen Lieder durch den Bus,  wie „Skandal um Rosie“, „Ich hab ‚ne Zwiebel auf dem Kopf, ich bin ein Döner“ und „Alles Banane“, deren Texte aus dem Internet herausgesucht, und liebevoll abgeschrieben wurden. „Sie haben hier die Texte von Liedern mitgebracht, die sie in der Schule nie singen“ erzählt die Lehrerin der Hauptschulklasse 5, Gerlinde Roll, neben der ich Platz genommen habe, augenzwinkernd.

Schulausflug als finanzielle Herausforderung

Dass alle Kinder, die sich unheimlich auf diesen Ausflug freuen, mitfahren können, ist nicht selbstverständlich. „Von meinen 30 Schülern sind knapp die Hälfte deutsch-türkischer Abstammung oder Migranten aus anderen Ländern. Ich habe schon wieder sechs Anträge auf Kostenübernahme“ erklärt Gerlinde Roll. „Teilweise stammen die Kinder aus Familien mit Ein-Euro-Jobs. Preissteigerungen von 20 bis 30 Euro sind für uns o.k., darüber hinaus wird es schwierig. Einem guten Viertel der Familien fällt es schwer, die Fahrt ins Schullandheim zu finanzieren. Ich sammele jeden Monat 10 Euro ein. Die Klassenausflüge versuchen wir so zu gestalten, dass jeder in der Lage ist, mitzufahren. Deshalb bevorzugen wir auch Nahziele.“

Die Hauptschule bietet ihren SchülerInnen insgesamt vier bis fünf Ausflugstage im Jahr an. Am Schulwandertag und am Wintersporttag nimmt die ganze Schule teil. Letzterer führt jedes Jahr nach Adelsberg. Von Schlittenfahren und Eislaufen bis zu Hallensport, wie Volleyball oder Badminton, kann sich dort jeder Schüler in eine Sportart einklinken.

So sind die Wintersporttage, und davon besonders das Eislaufen, für die meisten Schüler das schönste Erlebnis im Schuljahr. Weitere Klassenausflüge, die bisher großen Anklang fanden, waren der Besuch des Mercedes-Benz Museums und Schloss Kapfenburg bei Lauchheim. Eine andere Möglichkeit, mit dem Reisebus unterwegs zu sein, sind die von der Mozartschule organisierten Volleyball- und Fußballturniere. Die Mannschaften, die über den Stadtkreis hinaus weiterkommen, werden im Bus zu den Turnieren im Umkreis gebracht. Mit diesen Angeboten kommt die Schule auch dem Bedürfnis der Kinder entgegen, sich körperlich auszuagieren.

Wandertag mit Wildschwein

Das Bedürfnis, das für die SchülerInnen mit einer Alterspanne von 12 bis 14 Jahren, an zweiter Stelle steht, ist Konsum. So wurden auf die Frage, welchen Ausflug sie sich bei freier Wahl wünschen würden, neben  „…was mit viel Bewegung, Bungee jumping, action...“, „zum Fussballspiel nach Hassloch fahren“ und dem Europark  „wegen den schönen Karussellen“, auch New York und „den ganzen Tag shoppen gehen“, als Wünsche genannt.

Bei Ausflügen bleibt der Spaßfaktor in Erinnerung. Gegruselt hat es sie, erinnert sich der eine oder andere, als einmal ihr Sozialarbeiter nachts im Zelt unheimliche Geschichten erzählte, und, das weiss die 11jährige Hagar, das Mädchen mit dem Kopftuch, noch ganz genau: „Als mal ein Wildschwein am Wandertag vor uns auftauchte!“

Mit jüngeren SchülerInnen, Klasse eins bis zwei, fahren wir lieber kürzere Strecken, gern in die Natur zum Wandern“ berichtet Gerlinde Roll, „die dritte und vierte Klasse interessiert sich schon für Holzmaden oder das Naturtheater in Giengen. Der fünften und sechsten Klasse bieten wir Ziele an, die mit dem Unterricht korrespondieren, wie in Stuttgart das Naturkundemuseum, die Wilhelma, oder die Innenstadt.“ 

Technische Hilfsmittel für Studienfahrten

Die Schüler schätzen es, wenn sie zum Busfahrer ein positives Verhältnis aufbauen. „Sie mögen es, wenn er auch mal eine von ihnen angebotene Kassette mit flotter Musik einlegt, wenn er ihnen ein bisschen - aber nicht zu lange - erzählt, und darauf eingestellt ist, die lebendige Geräuschkulisse zu ertragen,“ schlägt die Lehrerin als Anregung für Busfahrer vor, wie sie die Reise pädagogisch unterstützen könnten. Während sich die jüngeren Schüler meist noch gut mit sich selber beschäftigen, sei bei den Älteren die nicht gern gesehene Unart verbreitet, sich mit MP3-Playern die Ohren zu verstopfen.

Die technischen Möglichkeiten der Busse, wie z.B. Ton- und Bildträger pädagogisch zu nutzen, hält Frau Roll hauptsächlich für ältere Schüler bei Studienfahrten für sinnvoll. „Bei Hauptschülern sparen wir drei Jahre - und ich backe schon wieder Kuchen - damit wir eine Studienfahrt, wie jetzt nach London, zusammenbekommen. Auf einer so langen Fahrt Filme, beispielsweise über Shakespeare zu zeigen, könnte ich mir gut vorstellen.“

Dass die Aufgabe, mit Schülern zu verreisen, Verantwortungsbewusstsein erfordert, ist nicht neu. Ausflugstage findet Gerlinde Roll deswegen anstrengender als Unterrichtstage, weil aufgrund der erweiterten Freiräume für die SchülerInnen mehr Aufmerksamkeit als im Routineumfeld des Unterrichts erforderlich ist. Sie stellt fest, dass die Schüler, abhängig von der jeweiligen Klassenzusammensetzung und den sozialen Hintergründen unter ungewohnten Rahmenbedingungen auch oft ungewohnte Verhaltensweisen zeigen. Viele seien Individualisten und nicht so gut in der Lage, sich auf andere einzustellen. Was andererseits spannend sei, denn man lerne sich anders kennen als in der Schule.

Geschulter Fahrer sorgt für gute Stimmung

Das Thema Ökologie wird in der Schule nicht ausgespart, sondern es wird den Schülergruppen im Unterricht sinnvoller Umgang mit Ressourcen vermittelt, aktuelle Vorkommnisse werden thematisch in den Unterricht eingebunden. So kommen auf meine Frage an die Schüler, was man tun könnte, damit es nicht ständig wärmer wird, immerhin ein paar wohlmeinende Vorschläge wie: „weniger Müll machen, den Müll öfter trennen, mehr Laufen und weniger Auto fahren ...“

Dennoch sind Schulklassen und der Umgang mit Müll auch für den Busfahrer, Herrn Alexander, ein Problemthema: „Die Kinder haben schlechte Essgewohnheiten. Kaum sitzen sie im Bus, stopfen sie alles in sich hinein. Besonders unangenehm ist es mit den Kaugummis. Es gibt an jedem Platz kleine Abfallbehälter und bei mir vorn einen größeren. Nach zehn Minuten Fahrt ist alles voll. Nach zwei bis zweieinhalb Stunden mache ich Pause. Die Hälfte davon geht mir für die Busreinigung verloren. Bedingt durch ihr Essverhalten und die Aufregung wird den Kindern oft schlecht. Es bringt nichts, Tüten zu verteilen, das schaffen sie dann nicht. Dafür ist der Plastikabfalleimer hier vorn dann da. Bei Strecken von über 100 Kilometern wird es für Kinder anstrengend. Obwohl die Busse immer komfortabler werden, fangen auf jeder Fahrt ein bis zwei Kinder an zu spucken. Daher wähle ich in den Alpen, wenn ich mit Kindern unterwegs bin, auch bewusst Strecken aus, die nicht so kurvig sind.“

Herr Alexander hat alle fünf Schulungen für das RAL Gütezeichen Bus-Chauffeur Fahrerschulung absolviert und frischt seine Kenntnisse in Erster Hilfe regelmäßig auf. Für den Fahrer sind Verständnis und viel Geduld beim Umgang mit Schulkindern selbstverständlich. Anbrüllen, Zurechtweisen und Einschüchterung gleich zu Beginn der Fahrt, die den SchülerInnen von Anfang an die gute Stimmung verderben, weist er als unzulässige und unrechtmäßige Einmischung in die Erziehung zurück, die seines Erachtens nicht zu den Aufgaben des Buspersonals zählt.

Zwischen Gold und Glamour

Eine Flut von Informationen und Augenreizen erwartet die Schülergruppe in den Schmuckwelten von Pforzheim. Kindgerecht aufbereitet und liebevoll vermittelt, weiss eine Mitarbeiterin die Aufmerksamkeit der Horde bis zum Ende der Führung auf sich zu ziehen. Absolutes Highlight der Sehenswürdigkeiten ist unbestritten das goldene Porsche-Cabrio, das die Kinder in Kleingruppen im Innenhof anschauen und berühren dürfen. Sätze wie „das wünsch ich mir zum Geburtstag“, vor allem aber: „ich wasch‘ mir nie mehr die Hände“ sind anschließend im Bus zu hören. Aber auch fluoreszierende Steine begeisterten die Schüler sowie die Riesenanzahl von Königskronen („Kronentragen ist doch cool“). Neben Originalen, wie einem goldenen germanischen Reiterhelm oder einer massiven Silberkrone eines indischen Herrschers, finden sich dort originalgetreue Kopien der Krone Cleopatras, getragen von Liz Taylor, sowie Kopien der Kronen des Kaiserpaares Napoleon und Josephine Beauharnais.

Die SchülerInnen konnten bei herrlichem Sommerwetter danach im Wildpark Pforzheim, der in diesem Jahr sein 40jähriges Jubiläum begeht (1968-2008), vespern, frische Luft tanken, Tiere im Streichelzoo hautnah erleben, füttern und sich vom tierischen Verhalten faszinieren lassen. Während so die Tierfreunde auf ihre Kosten kamen, war für die Liebhaber von Edelsteinen und anderen Kostbarkeiten der Besuch in den „Schmuckwelten“ der Höhepunkt des Ausflugs. Wie für die 11jährige Vanessa, die mir auf der Rückfahrt anvertraute: „Hier würde ich am liebsten wohnen“!

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