Die Jugend von heute...

Eine Herausforderung der besonderen Art: Reiseleitung bei Jugendreisen

Der Reisebus spielt bei Jugendreisen nach wie vor eine große Rolle: Immer­hin 12,4 Prozent aller Reisen der 14- bis 19-Jährigen erfolgten 2008 mit dem Bus. Bei schätzungsweise 80 Prozent der von Jugendorganisationen ausgeschriebenen Reisen wird der Bus angeboten.

Für den Reiseleiter muss sich schon vor der Fahrt die Frage stellen, ob es sich (A) um eine „echte“ Jugendreise einer Organisation handelt wie Kirche, politi­sche oder gesellschaftliche Vereinigung, oder um (B) die ausgeschriebene Reise eines gewerblichen Reiseveranstalters. A unterscheidet sich von B nicht nur wegen der vorwiegend pädagogischen Förde­rung des Gemeinschaftssinnes, der be­treuerischen und sozialen Zielsetzung, sondern auch in der inhaltlichen Aus­richtung. Der Schwerpunkt dieses Bei­trags behandelt die „echten“ Jugendrei­sen im Sinne des Typ A.



Zu beachten sind hier folgende Punkte: Für die Teilnehmer ist es oft die erste Reise ohne Eltern. Das häufige Auftreten von Ehrenamtlichen, die Reiseleiterfunktionen wahrzuneh­men versuchen, birgt ebenso Probleme wie die bei Auswahl der angemieteten Busse fortgesetzte Kosteneinsparung.

Auch die teilweise Selbstverpflegung und die Art der ausgewählten Unterkunft (etwa Jugendherberge) bergen Konflikt­potenzial zwischen Busfahrer (Bordkü­che, ungewohnte Verpflegung und Unter­kunftskomfort), Gruppe und Reiseleiter. Umso wichtiger wird so bei Jugendreisen die Vorbereitungsphase der Reise.

Der jugendfreundliche Busfahrer ist von zentraler Bedeutung. Immerhin wird sich nicht jeder Fahrer darauf freuen, mit einer „Horde frecher Flegel“ unterwegs zu sein, die seinen Bus beschmutzen, kein Trinkgeld geben, die Bordküche benutzen, aber nicht seinen Kaffee kau­fen wollen oder seine Musik nicht mögen … Freilich darf dies nicht dazu führen, dass der Reiseleiter devot und froh sein muss, dass überhaupt ein Fahrer da ist. Auftrag ist Auftrag und muss gut erledigt werden – dies gilt auch für die Fahrer von Jugendgruppen. Allerdings muss (auch im eigenen Interesse) der Jugend-Reise­leiter auch das Seinige durch Vorbeugen von Konflikten dazu beitragen:

• Die typischen Kompetenzprobleme Fahrer–Reiseleiter erhalten bei Ju­gendreisen besondere Gewichtung: Ablehnung von Autorität durch die Gruppe, Ausnutzen von Fahrer-Reise­leiter-Konflikten zur Unterhöhlung der Autorität des Reiseleiters als Jugend­gruppenleiter; andererseits respektie­ren manche Fahrer Jugendliche nicht als Kunden.

• Diesem Konfliktpotenzial kann durch eine vorherige Kontaktaufnahme mit dem Fahrer vorgebeugt werden.

• Jugendreiseleiter sind selbst meist sa­lopp und haben manchmal größere Autoritätsprobleme als Reiseleiter von „normalen“ Gruppen.

• Auf Disziplin in der Gruppe (Sauber­keit, schonende Behandlung des Bus­ses) achten, Appell an Solidarität mit der Arbeit des Fahrers.

• Wahrung des Abstandes zu pubertie­renden Gruppenmitgliedern, die abends mit dem „coolen“ Reiseleiter und Busfahrer Trinkspiele spielen oder diese mit in die Disco nehmen wollen.

Durch Vorinformation an Eltern und Gruppe (Brief oder Info-Abend) kann man Verbote in der Anfangsrede im Bus ver­meiden und zudem die Eltern in die Ver­antwortung mit einbeziehen.

Bei Jugendreisen sind häufig auch die Eltern zugegen, die zu größerer Unruhe beitragen. Umso wichtiger ist es, bereits in der Abfahrtsphase vor Ankunft des Busses die organisatorische Fürsorge und Kompetenz des Jugendreiseleiters zu zeigen und professionell aufzutreten.

 

Die Auswahl der Raststätten ist einer­seits vom knappen Reisebudget der Ju­gendlichen bestimmt. Andererseits kann die Flexibilität des Busses genutzt wer­den zu Abstechern von der Autobahn zu landestypischen Gaststätten, um Land und Leute besser kennenzulernen. Die Gefahr, dass sich Teilnehmer verlaufen oder die Abfahrtszeit übersehen, ist hier jedoch größer als bei „normalen“ Reisen. Die Konsequenzen stehengelassener Gäste sind – im juristischen Sinne – gra­vierender.

 

Mit Vorsicht ist auch mit zusätzlichen fakultativen Ausflügen, Veränderungen des Programms und Austausch von Pro­grammteilen umzugehen, die bei Erwach­senen schon nicht unproblematisch sind. Sie können bei der Jugendreise Rechtsfol­gen haben, wenn die zahlenden Eltern später damit nicht einverstanden sind und Regress fordern.

Dieter Gauf


Artikel erschienen in der Bus-Fahrt 4/2009, eine Fachzeitschrift der Stünings Medien GmbH, Krefeld, www.busfahrt.com.

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